Der Gang über den Friedhof

Heute war ich auf dem Friedhof, der gegenüber unserer Klinik liegt. Ich wollte mir ihn ansehen, die Grabstätten betrachten, mir die Namen und Daten ansehen und mir vorstellen, welche Persönlichkeiten hier liegen. Eigentlich liegt hier Geschichte, denn jeder Mensch hat eine Geschichte. Der Friedhof ist der Ort, wo die Menschheitsgeschichte eine Ruheort gefunden hat. Alles kommt hier zu einem Abschluss.

Eine Grabstätte zu haben ist ein guter Ort, um mit seiner Trauer einen Ort zu haben, wo etwas zu einem Ende kommt. Wer das nicht hat, weil es kein Grab gibt, für den bleibt immer etwas offen, nicht zu Ende gehendes. Die Trauer kann nicht abschließen, es fehlt ihm das Gegenüber.

Ich laufe gemächlich über die Wege auf diesem Friedhof, betrachte die Gräber, lese die Namen und mache mir klar, dass auch mein Leben begrenzt ist. Das es eines Tages einen Ort geben wird, wo ich zur Ruhe komme, wo ein Stein mit meinem Namen eine Grabstätte markiert.

Dieser Gedanke kann beängstigend sein, aber auch realisierend, dass wir nicht ewig leben werden. Das der Tod zum Leben gehört. Das es normal ist und nichts Außergewöhnliches. Ob es uns passt oder nicht, das ist die Realität, in der wir leben.
So ein Friedhof hat auch was Entschleunigendes für mich, es lässt mich bewusster die Schritte gehen, ich nehme mir Zeit und merke, wie ich in und bei mir selber ankomme. Friede zieht ein, Stille um mich rum.

Auf einem Friedhof wird selten laut Geredet oder Gelacht, meist ist es verhalten und das ist gut so. Und doch, darf das Leben hier an diesem Ort, den Tod grüßen, sie dürfen sich begegnen und sehen.

Vielleicht ist es wieder dran, den Weg auf einen Friedhof zu gehen, sich mit der eigenen Endlichkeit aussöhnen und somit dem Leben einen neuen Wert schenken. Raus aus der Selbstverständlichkeit, dass das Leben läuft. Hin zum bewussten Leben, zu wahrnehmen, dass es gut ist dem Leben eine Gestalt zu geben.

Und mir tut es gut. Es lässt die Seele atmen, sie ruhiger werden und es breites sich eine gewisse Seelenruhe aus. Ich lasse es zu und gehe zurück ins Leben, aber mit einem anderen Blick für das Leben.

Photo by Veit Hammer on Unsplash

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